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Wie bitte?
IM GERICHT / Aleida Plassmeier ist eigentlich
artig. Sitzt aber trotzdem ständig auf der
Anklagebank.
Falls mal die Worte fehlen.
ANDREAS GEBBINK
A m
Landgericht Kleve ist Aleida Plassmeier die nette Dame aus der
zweiten Reihe. Rechts neben dem Angeklagten ist ihr Platz. Und
während der Verhandlung wird sie ihm ein ums andere
Mal helfen. Nicht in Sachen Rechtsbeistand, dafür sind
die Juristen
zuständig. Aleida Plassmeier. ist
Dolmetscherin und greift niederländischen Angeklagten
unter die Arme, wenn`s mit der Sprache hapert.
Wo ein ,,Dollmetzger"doch helfen kann
Dass es mit der Sprache vor einem deutschen Gericht
Probleme geben kann, ist
manchem Angeklagten oft gar nicht
bewusst. "Ich brauche keinen Dollmetzger", wies mal
ein holländischer Angeklagter Aleida Plassmeier von sich,
als er hörte, dass eine Frau
ihm zur Seite sitzen soll.
"Ja, ich hör`s", meinte sie schmunzelnd.
"Ich helfe ihnen aber trotzdem". Während der
Verhandlung war der Holländer froh, das lebendige
Wörterbuch neben sich zu haben.
"Niederländer denken schnell: och, das mit
der Sprache ist kein Problem. Das schaffe
ich schon. Aber
meistens wird es ein fürchterliches Kauderwelsch",
erzählt Aleida
Plassmeier. Und Kauderwelsch muss - und
darf - nicht sein. Die Gerichtshelferin springt
ein, wenn der
Richter nur Bahnhof versteht. So auch bei dem
niederländischen Maler- meister, der angab, dass er
beruflich "Schilder aufstelle". Plassmeier
erklärte: Maler
heiße im niederländischen
"schilder".
Bei der Übersetzung der beiden Sprachen gibt es viele
falsche Freunde. Die Worte
klingen ähnlich, die Bedeutung
ist aber eine ganz andere", sagt die Übersetzerin.
,,Klopt dat?", fragte sie mal einen, der in der
Kneipe die Möbel zerlegt hatte. Klar,
meinte der Richter
zu sich, der hat ganz schön gekloppt. War aber
nicht gemeint: "Stimmt das?", wollte sie nur
wissen.
Seit zwanzig Jahren macht die Expertin ihren Job, kennt
im Kreis Kleve jeden Gerichts- saal: Emmerich, Geldern, Kleve. In
den Vollzugsanstalten hört sie sich die Gespräche
der Gefangenen an. Vom Zoll wurde sie neulich nachts um eins aus
dem Bett gerufen:
Festnahme zweier holländischer
Drogenkuriere in Kranenburg.
In Sachen Amtssprache ist Aleida Plassmeier Profi. Vom
Papageienschmuggel über
DIN-Normen bis zu Drogen in
ganzer Bandbreite kennt sie jede Feinheit. "Bei
technischen
Details wird`s schon schwieriger.
Man muss schon wissen, wovon die Rede ist
In einer Verhandlung fiel mal das Wort Icewarmer.
"Mein Gott, dachte ich, was zum
Teufel ist ein Icewarmer.
In solchen Fällen frage ich dann nach." Ergebnis
näherer
Betrachtung: Es handelt sich um eine automatische
Autoheizung. (Vom Redakteur
falsch verstanden, es ging um
einen "Eiswarner", eine Anzeige, die vor Glatteis
warnt.)
Ihren Klienten versucht sie so neutral wie
möglich zu erscheinen: "Ich bin für den
Angeklagten oder Zeugen die erste Ansprechpartnerin. Ich
spreche deren Sprache. Und jeder soll die gleichen
Voraussetzungen haben", meint sie. Sympathien oder
negative
Vorurteile will Aleida Plassmeier unterdrücken.
Wer kann schon immer nur neutral sein?
Gab es in ihrer zwanzigjährigen Laufbahn fiese
Typen, denen sie lieber nicht geholfen
hätte? "Da
gab es mal einen älteren Herrn. Von dem hieß es,
dass er wie ein
Eisverkäufer den Kindern Drogen
beschaffte." Aleida Plassmeier denkt kurz nach und
entschließt sich, nicht weiter zu erzählen:
"Na ja, den habe ich nicht gemocht", bricht
sie abrupt
ab.
Deutsch hat die Niederländerin aus Driel in
Nimwegen studiert. Zwar nicht bis zum Ende aber die Sprache
wurde dennoch ihre große Leidenschaft. übersetzt
hat sie schon alles: juristische Fachblätter,
Protokolle, Koch-Rezepte und die Aufschriften auf Eierkartons.
Weniger spannend.
Der Eierkarton bringt`s einfach nicht
Aber zu den Gerichtsverhandlungen geht sie gerne, weil
es da menschelt: "Man hört
hier immer etwas Neues,
und die Leute interessieren mich. Man muss sich auf
jedermanns
Sprache neu einstellen. Jugendliche benutzen viele amerikanische
Ausdrücke, Erwachsene bilden längere
Sätze." Aleida Plassmeier versucht, genau den
Stil
zu treffen, den ihre Klienten gebrauchen.
Zurzeit ist für sie Verwaltungsarbeit angesagt. Ihre
aktuelle Gerichtsverhandlung wurde unterbrochen. Nichts
besonderes: Zwei Marokkaner aus Holland und ein Berliner
- werden angeklagt, mit Rauschgift gehandelt zu haben. Grauer
Alltag also.
Die Akten müssen übersetzt werden.
Für Aleida Plassmeier wird es ein langer Abend.
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